DAS UNERWARTETE
Alles ist wie immer. Aber bleibt es auch so?
Leichten Fußes traben wir den weichen Waldweg entlang. Hell trommeln die Hufschläge auf den trockenen Pfad. Winzige Staubwölkchen wirbeln hinter uns in die Höhe. Sonnenstrahlen flitzen durch das wirre Geäst der Baumkronen, um hie und da auf dem Weg helle Punkte oder Streifen glitzern zu lassen. Auch auf dem flauschigen Fell meiner Schimmelstute tanzen die witzigen hellen Sonnenflecken. Dadurch wirkt das Fell lebendig, genau so lebendig wie das Pferd selbst. Den Kopf hoch erhoben, als wollten die weichen, weit geöffneten Nüstern sich kein Stück der frischen Morgenluft entgehen lassen, trabt sie glücklichen Herzens voran. Ich kann ihr Glück spüren. Ihr Herz und das meine schlagen im gleichen Takt. Seit dem Tag, als ich sie zum ersten Mal gesehen habe. Daheim im Stall wurde ein Fohlen geboren, welches mein „bester Freund“ werden sollte. Nie werde ich vergessen, wie es, kaum in unserer Welt gelandet, staksig versucht hat, auf die langen, noch unbeholfenen Beine zu kommen. Zwei Mal war es wieder in das frische Stroh geplumpst, bis es ihm schließlich gelang. Die ersten Schritte führten das hungrige Fohlen nach dieser immensen Anstrengung sofort zu seiner Mutter, wo es sich satt trinken konnte. Frisch gestärkt erkundete es neugierig seinen neue Welt, um auch vor mir nicht halt zu machen. Und als seine Mutter offensichtlich nichts gegen diesen Pferd-Mensch-Kontakt einzuwenden hatte, ließ das Fohlen es sich auch gefallen, von mir am Hals sachte gestreichelt zu werden.
Von diesem Tag an waren wir zwei fast unzertrennlich. Groß wurde das Fohlen von alleine, und auch das Einreiten der erwachsenen Stute war ein Leichtes, da sie ja keine Angst vor mir und dem, was ich mit ihr tat, hatte. Nie habe ich ihr etwas Böses getan. Meine innere Ruhe hat sich auch auf die Stute übertragen. Und ihre ruhige Ausstrahlung wurde schon von vielen Freunden und Bekannten gerühmt.
Und doch: Das Pferd wird jetzt nervös und immer aufgeregter. Ich kann ihre Ungeduld spüren. Direkt unter mir spannen sich sämtliche Muskeln dieses prächtigen Tieres, so, als wollten sie jeden Moment explodieren. Ich hingegen entspanne mich. Ich tue das bewusst. Ich will der Stute keinen Grund geben, noch aufgeregter zu werden. Nur meine Beine drücken wie Schraubstöcke an die Seiten ihres Leibes. Nicht, um sie anzutreiben, das ist nicht notwendig, sie hat sowieso dieses berauschende, nicht zu bändigende Gefühl in sich, rennen zu wollen. Rasend schnell zu galoppieren. Alles heraus zu lassen und sich des Lebens zu freuen. Darum geht es hier. Meine fest an sie gepressten Beine verfolgen nur ein Ziel: Mich auf ihrem Rücken zu halten! Wenn einem nämlich ein Rodeo bevor steht, sollte man tunlichst darauf achten, nicht aus dem Sattel gehoben zu werden.
Wie jedes Mal, sobald wir vom Trab in den ersten Galopp des Tages fallen, ist meine Stute in ihrer Freude nicht zu bändigen. Der erste Galoppsprung setzt ein und meine Entspannung verliert sich im Nirgendwo. Mein Herz klopft wild, ich muss mich konzentrieren. Nur nicht die Balance verlieren. Und dann geht es los! Die Zügel entreißen sich wie von selbst meinen Händen. Der Pferdehals, der vorab noch so stolz in die Höhe gereckt war, senkt sich tief nach unten. Ohne Vorankündigung ändert sich die leuchtende wallende Mähne zu einer Welle, die sich in die Tiefe bohrt. Der sonst geschmeidige Rücken wächst zu einem harten Hügel, einer Insel, die urplötzlich aus dem Meer auftaucht. Und ich sitze obenauf, werde mit in die Höhe gerissen.
Dann die Umkehrung: Kaum oben, falle ich schwungvoll wieder nach unten. Die prächtige Mähne schleudert sich regelrecht in die Luft, der Rücken drückt sich in die Tiefe. Ich kenne dieses Spiel. Und ich liebe es. Mir gefällt, wenn meine Stute sich austoben kann. Und dass sie es mit mir gemeinsam tut. Spätestens nach fünf oder sechs heftigen Rodeo-Sprüngen findet sie sich nach und nach in einen flüssigen Galopp ein, der uns fließend über die Waldpfade fliegen lässt. Ich fange an, mich zu entspannen. Ihr Galopp ist so schnell, dass ich kaum hören und spüren kann, wie ihre Hufe den Boden berühren. Nach einem rasanten Flug durch den Morgennebel, der leicht über den Pfaden schwebt, nimmt sie etwas Tempo zurück und fällt in einen harmonischen Trab, um dann geschmeidig in den Schritt zu wechseln. Ihre Nüstern, die vorhin noch so hungrig die Luft eingesogen haben, scheinen diese Luft wieder hinaus zu schnauben.
So, das war’s. Der erste Galopp ist immer etwas Besonderes. Danach geschieht nichts Aufregendes mehr. Schon beim zweiten Galopp hat sich dieses wilde Verlangen bei ihr gelegt. Ruhig kann ich ihn angehen, diesen zweiten Galopp. Die Zügel etwas kürzer nehmen, den Oberkörper ein wenig nach vorne beugen, ein Bein etwas nach hinten schieben, ein leichter Druck und los geht’s. Entspannt losgaloppieren. Die Augen schließen, die Bewegungen des Pferdes spüren, den Windzug im Gesicht fühlen. Ganz entspannt galoppieren.
Plötzlich geschieht etwas Unvorhergesehenes! Die Stute unter mir buckelt wieder! Erneut taucht die Mähne in die Tiefe des Meeres ein, während sich gleichzeitig der Rücken hoch ins Universum erhebt. Unvorbereitet lösen sich meine Beine von den Flanken des Tieres und schweben hilflos in der Luft, meine Arme scheinen wild und ohne Plan nach Halt zu suchen. Die Hinterbeine der Stute fliegen in die Höhe, ihr Rücken treibt mich nach oben, nach vorne, ich habe keinen Kontakt mehr zu dem Pferdekörper, fliege weiter nach vorne über den tief gebeugten Kopf des Schimmels. Schlage in der Luft einen Saldo und knalle schließlich mit dem Rücken auf den staubigen Pfad. Zum Glück zeigt meine Stute Reaktion und bremst abrupt, um nicht über mich zu stolpern. Erde wird aufgewühlt und wirbelt wild durch die Luft. Ich liege nur still. Als ich die Augen vorsichtig öffne, sehe ich nur, dass ich immer noch die Zügel in den Händen halte, samt Zaumzeug. Offensichtlich habe ich ihr das Halfter während meines zirkusreifen Abgangs komplett über die Ohren gezogen.
Aber was ich dann sehe, ist das Unglaublichste überhaupt. Nach der Vollbremsung steht sie noch immer breitbeinig vor mir. Ihr Kopf ist zu mir nach unten gebeugt. Dann sehe ich das Gesicht der Stute. Ihre Augen! Ein einzige Ausdruck spiegelt sich in ihren Augen wieder: „Was – zum Teufel – machst du da unten????“ Und wie in einem Film dreht sie ihren Hals und schielt auf ihren Rücken, als könne sie nicht glauben, dass ich jetzt vor ihr im Staub liege, anstatt auf ihrem bequemen Rücken zu sitzen.
Tja, ich habe mir nicht weh getan, und die Stute hat sich auch wieder von dem Schreck meines ersten Absturzes erholt, aber ich habe etwas gelernt:
Ab sofort werde ich versuchen, immer das Unerwartete zu erwarten!
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© Andrea Seldner
