DER ALTE MANN

Von Torsten Noak

 

Es war ein wunderschöner Sonnenaufgang, wie jeden Tag ging ich zu der Koppel wo die Pferde ihren Sommer verbrachten.

Wie gewohnt rief ich nach ihnen.

 

Laura und Winni hörten den Ruf zuerst,schließlich Larissa und die alte Glasglocke.

 

Sie galoppierten sofort los, die Koppel herab, und die alte Glasglocke trabte langsam hinterher,den Kopf nach oben, die Ohren nach vorn und sie wieherte vor Freude, daß sie gleich ihr Stück Brot von mir bekommen würde. Glasglocke reichte ich zwei Stücke von dem schmackhaften Brot, was ich zuvor getrocknet hatte.

 

Wie jeden Tag schaute ich jedes Pferd genau an, es konnte auch einmal sein, dass sie sich verletzen, aber das war nicht der Fall.

In der Ferne sah ich eine Gestalt, die den Weg herunter spazierte, langsam und sicher an einem Handstock, kam die Gestalt immer näher.

 

Nun konnte ich die Gestalt genauer erkennen, es war ein alter Mann, bei jedem Schritt stütze er sich an seinem Handstock ab.

 

Sein Gesicht über die Jahrzehnte geprägt.

 

Ich hatte ihn vorher nie hier entlang spazieren sehen.

 

Nun stand er vor dem Heck und sprach zu mir : Wie geht es den Pferden?

Gut antwortete ich: außer der alten Glaglocke, sie macht mir ein bisschen Sorgen, sie ist in letzter Zeit sehr abgemagert und sie kommt, wenn sie sich auf den Boden legt, sehr schlecht wieder hoch.

 

Da sagte er: Ja das Alter macht ihr zu schaffen: Wie alt ist sie? 32 Jahre hat sie schon auf dem Buckel. Er nickte anerkennend mit dem Kopf und sagte: Ein stolzes Alter, möge sie tapfer sein und noch ganz lange Dir Freude bereiten.

 

Wenn der Mensch je eine große Eroberung gemacht hat, so ist es die, daß er sich das Pferd zum Freunde gewonnen hat.

 

Er sah mich an und fragte nach meinen Namen: Junge wie ist dein Name ? Jan, erwiederte ich.

 

Dann holte er tief Luft und sagte: Mein Name ist Fiodor, es ist mir eine Freude dich kennen zu lernen.

 

Nun war die Neugierde in mir geweckt und ich fragte ihn: Fiodor wie Jung bist du? 98 Jahre antwortete er.

 

Wir schauten beide, ohne etwas zu sagen, über die Koppel.

 

Dann fing er leise an zu erzählen: Im Jahre 1912 bin ich in Oberndorf geboren, mein Vater war Milchfahrer für die Molkerei.

 

Mit Pferd und Wagen wurde die Milch abgeholt. Im Sommer 2 mal, und im Winter wenn sehr schlechtes Wetter war nur 1 mal am Tag.

 

Es war eine schwere Arbeit die Milchkannen auf den Wagen zu laden.

 

Einen Moment schwieg er, dann begann er weiter zu erzählen: Auch hatte mein Vater 2 Zuchtstuten, die jedes Jahr Fohlen bekammen, die Deckstation war ja gleich um die Ecke.

 

Es waren Stuten, die einen sehr guten Stammbaum in der 18. Generation hatten.

 

Glasglocke stand vor dem Heck, und der alte Mann schaute direkt in Glasglockes Augen, bis er wieder anfing zu erzählen: Meine Mutter war Melkerin auf einem großen Hof im Ort.

 

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie meine Mutter im Sommer mit einem Melkschemel, dem Tragejoch und zwei Eimern zur Weide gegangen ist, und dort die Kühe im knietiefen Gras melkte, und mit den überschwapenden Eimern zurück zum Hof kam.

 

Ich selber hatte nur die Pferde im Kopf.

 

Als Junge durfte ich immer mit, hoch zu Roß, wenn mein Vater mit unserer "Wanderfee" zur Deckstation wollte. Es hat mir immer sehr viel Spaß gemacht, auch sind wir öfter mal mit der Kutsche nach Freiburg zu unserem Onkel gefahren, natürlich mußten wir voher mit der Schwebefähre über die Oste.

 

Er sah mich an und sagte:

 

Jan, wen Du möchtest, kannst du mich gerne einmal besuchen kommen, ich wohne bei meiner Ur-Enkelin, in Schüttdam rechts neben dem Gasthof.

 

Fiodor, Deine Einladung nehme ich sehr gerne an.

 

Wenn Du möchtest fahre ich dich nach Hause.

 

Das ist gut gemeint von dir, aber ich gehe den Weg wieder zurück.

 

Die anderen Pferde waren schon wieder nach oben maschiert, außer Glasglocke, sie stand noch am Heck.

 

Der Alte Mann streckte seine Hand aus, und streichelte der alten Glasglocke über ihren Kopf und sagte zu mir: Jan höre den Pferden gut zu was sie Dir sagen wollen.

 

Schließlich verabschiedete er sich von mir, und gab mir seine Hand, irgendwie war es ein kommisches Gefühl, als er mir die Hand reichte. Nun ging er fort.

 

Nach einigen Schritten rief er mir noch einmal zu: Höre, höhre genau zu, und nimm Dir die Zeit dafür.

 

So ein Blödsinn habe ich gedacht, und und rief hinüber: Ja natürlich, zielsicher Maschierte der alte Mann weiter.

 

Glasglocke stand noch immer da, und schaute mich an.

Plötzlich fing es an zu Donnern, die Wolken zogen sich zusammen, und es wurde auf einmal ganz still.

 

Die Vögel, die vorher ihre Lieder Sangen, hörte man nicht mehr.

 

Glasglocke senkte ihren Kopf vor mir nieder, plötzlich hörte ich eine leise Stimme, es war Gasglocke, die mir etwas sagen wollte.

 

Herr ich spreche für alle Pferde auf dieser Welt, die in einem Stall geboren sind.

Schließlich hob sie ihren Kopf hoch und sah mir in die Augen, wieder höhrte ich diese leise Stimme: Gib mir zu fressen, gib mir zu trinken und sorge für mich und wenn des Tages Arbeit getan ist, gib mir ein Obdach, ein sauberes Lager und einen nicht zu kleinen Platz im Stall. 

 

Rede mit mir, denn oft ersetzt mir deine Stimme die Zügel, sei gut zu mir und ich werde dir noch freudiger dienen und dich gern haben.

Reiße nicht an den Zügeln, greif nicht zur Peitsche, wenn es aufwärts geht, schlage und stoße mich nicht, wenn ich dich missverstehe, sondern gib mir Zeit dich zu verstehen.

Halte mich nicht für ungehorsam, wenn ich deinen Willen nicht erfülle, vielleicht sind Sattelzeug und Hufe nicht in Ordnung.

Prüfe meine Zähne, wenn ich nicht fressen mag, vielleicht tut mir ein Zahn weh.

Du weißt wie das schmerzt. Halftere mich nicht zu kurz und kopiere meinen Schwanz nicht, er ist meine einzige Waffe gegen Fliegen und Moskitos.

Und wenn es zu Ende geht, geliebter Herr, wenn ich dir nicht mehr zu nützen vermag, lasse mich bitte nicht verhungern und frieren und verkaufe mich nicht.

Gib mir nicht einen fremden Herren, der mich langsam zu Tode quält, sondern sei so gütig und bereite mir einen schnellen und barmherzigen Tod und Gott wird es dir lohnen, hier und in Ewigkeit.

Laß mich dies von dir erbitten, und glaube nicht, daß es mir an Ehrfurcht gebricht, wenn ich es in Deinem Namen tue, der in einem Stall geboren ist.

Schließlich wendete Glasglocke sich ab, schnaufte ein paar mal vor sich hin und maschierte zu den anderen Pferden, wo sie sich das frische Gras schmecken ließen.

Da stand ich nun und staunte darüber was eben geschehen war.

Nun merkte ich, daß es geregnet hatte, der Himmel klarte wieder auf.

Die Vögel hatten ihren Gesang wieder aufgenommen, und über der Pferdekoppel war ein herlicher Regenbogen zu sehen.

Ich stieg über das Heck und sagte zu mir:

Der alte Mann, er hatte recht.

 

© Torsten Noak