SIEG AUF DER GANZEN LINIE
von Theresa Kaminski (17)
Milly Schreuter war Besitzerin eines ziemlich hitzigen Pferdes. Der sieben Jahre alte Calimero, ein Schimmel, Hannoveranerwallach, war bis in die schweren Klassen ausgebildet, aber er war kaum zu
reiten. Bis auf ein wenig faul durchs Gelände schlurfen und den ein oder anderen Zirkel auf dem Reitplatz hatte er nichts, aber er hasste es, zu arbeiten. Milly stellt ihr Pferd in Beritt, doch
Sally, die Reitlehrerin, verzweifelt fast an dem Tier. Doch Medina Klein glaubt an den überdrehten Schimmel. Sie nimmt ihn in Beritt und will es schaffen, ihn auf dem ersten Turnier der grünen
Saison in Luhmühlen zu präsentieren. Sie will eine L Vielseitigkeit mit ihm gehen. Niemand glaubt so recht an sie, aber sie ignoriert die Zweifelnden und wendet sich nur dem Wallach zu. Schon
bald haben sie erste Erfolge beim Training.
Doch es gibt da noch Bea Kleinschmidt, die schärfste Konkurrentin von Medina, die auf der Hochleistungsstute Rubina ins Rennen geht. Doch irgendwie kommt sie auf dem Weg zum Treppchen etwas zu
kurz.
Das Turnier
Calimero wurde vom Hänger geführt. Der edle Schimmel war blütenweiß und er war so bereit wie noch nie. In den letzten tagen hatte Medina nur leicht mit ihm gearbeitet und an seinem Vertrauen
gearbeitet. Es hatte geholfen. Er traute sich nun mehr zu und das sah man ihm auch an. Er trug den kräftigen Hals stolz erhoben und er blähte die Nüstern, als er sich auf dem Gelände umsah.
Überall waren Reiter zu sehen, die ihre Pferde fertig machten, warm ritten oder von der Prüfung zurück kamen. Ein Mädchen stieg von einem braun-weiß gescheckten Pony und lief weinend zu seiner
Mutter. Die gelb-braunen Spuren an der weißen Hose sagten, dass sie den Boden geküsst hatte. Die Mutter tröstete die Kleine, während die junge Frau, die das Pony geführt hatte, das Tier
absattelte.
Medina kam von der Meldestelle zurück und hielt die Nummer hoch. Milly grinste breit. Sie hatten die Nummer 84, die Glückszahl des Schimmels, da er am 08.04. geboren war. Medina nickte. „Und noch
eine gute Nachricht: Wir dürfen ohne Jacke reiten, weil es so warm ist!“ Alle freuten sich. Dann machten sie das Pferd fertig. Calimero wurde geputzt und gesattelt. Dann schwang Milly sich in den
Sattel und ritt hinüber zum Abreitplatz, um ihren Wallach aufzuwärmen, während Medina sich umzog.
Jody, Sally und Medina standen am Rand des Abreitplatzes. Sie beobachteten Milly, wie sie den Wallach in leichtem Trab auf dem Zirkel hielt. Das Pferd versuchte immer wieder zur Seite
auszubrechen, doch sie ließ es nicht zu. Da erblickte sie Medina. Milly musterte das Mädchen.
Medina trug weiße Hosen mit einem grauem Vollbesatz, eine weiße Bluse und eine elegante, graue Krawatte. Ihre schwarzen Stiefel glänzten genauso sehr, wie die Sporen, die sie trug, in der Hand
hatte sie einen Reitkappe und eine Sicherheitsweste.
Milly hielt an und sah auf die Reiterin hinab. „übernimmst du?“ Medina nickte und setzte die Kappe auf. „Willst du damit ins Viereck?“, fragte Jody, die wusste, dass man in der Dressur für
gewöhnlich einen Zylinder trug und keine Kappe und dass die Dressurreiter eigentlich keine Sicherheitswesten an hatten.. „Ja! Ich habe keine Lust, mich zu verletzen, wenn Calimero doch durchgehen
sollte.“, erklärte Medina und zog die elegante, schwarze Weste an. Sie setzte die Kappe auf, zog die weißen Handschuhe an und schwang sich in den Sattel. Sie stellte die Bügel ein und ritt an.
Sie begann mit den Grundgangarten. Calimero war sehr aufgeweckt und schüttelte immer wieder den Kopf.
„Ihr trete ja doch an! Habt ihr euer Pferd doch dazu überreden können, auf den Hänger zu gehen? Mit diesem Rüpel habt ihr doch eh keine Chance, das Turnier zu gewinnen!“, meinte Bea hochnäsig,
während sie neben ihnen stehen blieb. Sie sah zu, wie ein Trainer aus ihrem Stall ihr Pferd aufwärmte und Medina dabei immer wieder in die Quere kam.
Medina hatte es geschafft, den Schimmel halbwegs ruhig zu halten, als der Trainer von Bea mit Rubina, einer schweren Warmblutstute an ihr vorbei galoppierte und Calimero dabei ziemlich nahe kam.
Der Schimmel stieg steil in die Luft und schoss bocken über den Platz. Doch anstatt den Boden zu küssen, wie Bea es eigentlich erwartet hatte, hielt sie sich im Sattel und entlastete den Rücken
des Wallachs, der langsamer wurde und schließlich in versammeltem Galopp ruhig seine Bahnen drehte.
Bea war geschockt! Sie hatte kein sonderlich gutes Ergebnis in der Dressur gehabt, dann ihr Pferd war im Galopp zweimal ausgefallen. Nun stand sie an der Bande und sah zu, wie Medina Calimero in
federndem Trab in die Bahn ritt. Die beiden gaben ein gutes Bild ab. Er wölbte den Hals, blähte die Nüstern und schwang locker im rücken. Medina saß locker im Sattel und lächelte dem Richtern
freundlich zu. Die drei lächelten zurück und dann begann die Prüfung. Während sie die Lektionen zeigte, die sie einstudiert hatten, klickten immer wieder die Auslöser der Kameras der Fotografen.
Die presse würde sich am Montag das Maul darüber zerreißen, dass eine Reiterin in der Dressur mit Schutzweste und Reithelm angetreten war. Das sollte Bea nur Recht sein!
Dann hielt Medina schon an und grüßte. Die Richter entließen sie, als tosender Applaus losbrach und Calimero sich erschreckte. Er sprang nach vorn und schlug aus, doch statt um Ruhe zu bitten,
forderte Medina die Masse zu weiterem Applaus auf. Sie wollte, dass Calimero so richtig gereizt wurde. Doch kurz darauf schien ihn das Geräusch nicht mehr zu stören. Sie verließen die
Halle.
Medina stand am Start der Geländeprüfung und sah sich um. Sie war die erste, die hier starten sollte. Alles nur, weil sie die Dressur als Beste abgeschlossen hatte. Jetzt hatte sie die Sporen
abgenommen und sie hatte keine Gerte bei sich. Die Richter sahen sie fragend an, aber sie sollte es nicht stören, wenn sie es so versuchen wollte.
Der Startschuss ertönte und sie ritt los. Calimero benahm sich tadellos. Er galoppierte locker über die Wiese und nahm die ersten drei Hindernisse, als würde er den ganzen Tag nichts anderes
machen. Dann gab Medina Gas und ritt flott auf den nächsten Sprung zu. Der Schimmel kam zu stark an den Sprung und wollte verweigern. Doch anstatt sich auf einen Sturz vorzubereiten, ging Medina
in den Springsitz und gab in den zügeln nach,. Tatsächlich sprang Calimero ab und bewältigte den Sprung ohne Probleme. Er landete etwas hart, aber lief weiter und wieherte laut.
Medina war gerade durchs Ziel, als sie sah, wie Bea auf das Hindernis zu ritt, vor dem Calimero hatte scheuen wollen. Sie schlug ihrer Stute hart auf die Schulter und zerrte die Zügel zu sich
heran. Rubina erhob sich auf die Hinterhand, blieb im letzten Moment aber stehen und weigerte sich, zu springen. Bea überwand das Hindernis alleine und landete im Matsch.
Jody, Sally, Milly und Medina lachten und Calimero schnaubte, was ebenfalls wie ein Lachen klang.
Die Mädchen saßen nach dem Abendessen noch auf der Terrasse des Hotels und unterhielten sich.
„Ich hätte nie gedacht, dass Calimero sich so gut schlägt. Aber als er an dem Stamm in der Geländeprüfung zu dicht dran war, da dachte ich echt, du landest, wie Bea, auf der anderen Seite ohne
Pferd.“, meinte Milly und Jody fügte hinzu: „Das hatte ich auch erwartet, aber wie er sich dann doch noch gerettet hat! Die Richter neben uns haben dann was von Wunderpferd, viel Reiterlichem
Können und starkem Vertrauen gefaselt und Bea, die schon am Start stand, hat vor Neid bald in den Mähnenkamm von Rubina gebissen!“ Die drei lachten. „Na, ihr habt ja jede Menge Spaß!“, meinte
Sally, als sie sich zu ihnen setzte. „Ja, wir haben den Tag ausgewertet! Und haben dabei festgestellt, dass Calimero viel besser geht, als erwartet und Bea ziemlich am Arsch ist!“, freute Jody
sich und Sally nickte zustimmend. Es wurde noch ein lustiger Abend.
Die Sonne stand noch nicht am Himmel, aber es war schon wieder unglaublich heiß. Calimero schwitzte, während Medina ihn auf dem Abreitplatz arbeitete. Er schlug immer wieder den Kopf und
schnaubte laut. Er war überhaupt nicht konzentriert. Immer wieder sprang er zur Seite und verweigerte die Annahme der Hilfen.
„Was machen wir, wenn er völlig los geht?“, fragte Jody und Sally zuckte die Schultern. „Ihm macht die Hitze zu schaffen, genau wie den anderen auch. Aber ich hoffe mal, dass es in der Halle
kühler sein wird.“, meinte Sally und sah dann wieder auf Medina. Sie sollte bald dran sein, aber Calimero war noch immer so hitzig. Einer der Ordner, die für den Abreitplatz zuständig waren, kam
vorbei und Sally hielt ihn an. „Entschuldigung, können Sie uns vielleicht zwei große Eimer besorgen? Einen mit kaltem und einen mit lauwarmen Wasser?“, fragte sie und der Mann nickte. „Natürlich!
Einen Augenblick bitte!“ Dann verschwand er. Sally winkte Medina heran.
Schnell nahmen sie Calimero das Vorderzeug und die Streichkappen ab. Da kam der Turnierhelfer auch schon zurück und hatte die Wassereimer dabei, einen mit kalten, einen mit lauwarmen. Sie ließen
Calimero etwas trinken und dann schütteten sie ihm das kalte Wasser über die Beine, das lauwarme über Hals, Schulter und an die Hinterhand. Er schien es zu genießen. Dann legten sie ihm die
Streichkappen wieder an. Doch vorher tränkten sie die schwarzen Beinschoner noch einmal in kalten Wasser, so dass das Futter schön kühl war.
Schon ging es los.
Medina ritt in die Halle. Sie ritt auf den ersten Sprung zu und überwand ihn. Die steile Wendung auf den Oxer kam ihr sehr gelegen und dann schoss sie in schnellem Galopp auf die Zweifache zu.
Calimero überwand die Hindernisse mit Leichtigkeit und dann ritten sie den großen, blauen Oxer. Als sie auch die drei nächsten Hindernisse hatten, kam das letzte an der Reihe. Dabei handelte es
sich um einen großen, schwarz-rot-goldenen Oxer, an dessen Seiten deutsche Fahnen hingen. Calimero wurde guckig, aber er sprang den Oxer ohne Vorbehalt und ließ die Planken liegen.
„Das waren Medina Klein und Calimero mit einer Zeit von 36.25 Sekunden und Null Fehlerpunkten!“, verkündete der Sprecher und Medina ritt aus.
Die Siegerehrung stand an. Die Plätze Fünf bis drei waren schon genannt worden.
„Auf Platz Zwei, Linda Meirich, vom Reitverein Kiel, auf Sally-Sue mit einer Gesamtzeit von einer Stunde vierundvierzig zweiundfünfzig und acht Fehlerpunkten!“ Alle gratulierten ihr und
dann holte der Sprecher tief Luft. „Auf platz eins: Medina Klein vom Pferdesportverein Ortmannsdorf, auf dem Schimmel Calimero aus dem Besitz von Milly Schreuter! Mit einer Zeit von einer Stunde
siebenundzwanzig neununddreißig und zwei Fehlerpunkten hat sie allen bewiesen, wie gutes reiten aussehen muss!“ Alle gratulierten ihr und dann begann die Ehrenrunde. Zu Summer Son von Texas
ritten sie alle in versammelten Galopp um die Bahn.
„und da wir je gesehen haben, dass in Calimero ein echtes Rennpferd steckt, möchten wir den Rest bitten, die Bahn zu verlassen.“ Die Reiter ritten nach draußen und Medina war alleine. „Und kommt
deine Stunde! Medina, zeig was in dir und deinem Pferd steckt!“ Die Musik wechselte auf einen Song, den sie sich selbst ausgesucht hatte, House Rules von Christian Kane. Und schon donnerte
Calimero los. Ohne zu buckeln oder zu keilen jagte er um die Bahn. Ihren Siegerstrauß warf Medina ins Publikum, wo ihn eine Frau in einem roten Kleid auffing. Medina jagte weiter und parierte
Calimero schließlich vorsichtig durch. Ihm flotten Trab verließen die beiden die Halle. Draußen wurde sie von Milly, Jody und Sally empfangen, die ihr gratulierten.
Zwei Tage später stand ein Artikel in der Zeitung, in dem es hieß:
„… und nebenbei konnte Medina Klein, die Gewinnerin der Vielseitigkeit Klasse L beweisen, dass man in der Dressur auch gut aussieht, wenn man auf Nummer sicher geht!“ Daneben war ein Foto
gedruckt, was Medina zeigte, wie sie mit Reitkappe und Sicherheitswest eine Trabverstärkung zeigte.
Das Turnier war für alle ein Erfolg, aber vor allem für Calimero, der bewiesen hatte, dass er auch anders kann.
© Theresa Kaminski
Pferde-Geschichten