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DER BEGINN
Ich war schon immer vernarrt in Pferde. Kaum, dass ich lesen konnte,
verschlang ich regelrecht alle Bücher, Zeitschriften und sonstige Texte, die etwas mit Pferden zu tun hatten. Und wenn ich nur von Weitem schon eine Mähne sah, wär ich am liebsten losgerannt,
hin, zum Pferde-Anschauen, Flüstern und Streicheln. Aber irgendwann reichte mir das Geschichten-Lesen, Anschauen und Streicheln fremder Pferde nicht mehr. Wie die meisten kleinen Mädchen wollte
ich unbedingt ein Eigenes.
So bin ich schon als kleiner Pümpfe zu
meinem Vater getigert und hab gefragt: "Papaaaa, bekomme ich ein Pferd?" Die Antwort meines Vaters war eindeutig, und vor allem sehr hoffnungstreibend: "Nächstes Jahr, mein Mädchen, nächstes
Jahr." Wow, na das war doch mal eine Ansage. Ich weiß nicht, ob mein Vater mit meiner Ausdauer gerechnet hat, aber im nächsten Jahr stand ich wieder vor ihm: "Papaaaa, bekomme ich ein Pferd?" Die
Antwort war leicht ernüchternd für mich, denn sie lautete: "Nächstes Jahr, mein Mädchen, nächstes Jahr." Erwähnte ich gerade, dass ich ausdauernd war? Andere mögen es hartnäckig bezeichnen, aber
ich stand Jahr für Jahr vor meinem Papa und fragte: "Papaaaa, bekomme ich ein Pferd?" Und Jahr für Jahr erhielt ich dieselbe Antwort: "Nächstes Jahr, mein Mädchen, nächstes
Jahr."
Und glaubt es oder glaubt es nicht, als ich
12 Jahre alt war, fiel die Antwort meines Vaters anders aus als die Jahre davor. Damals meinte er nämlich: "Wenn du ein Jahr lang Reitunterricht nimmst und dann immer noch ein Pferd möchtest,
dann kauf ich dir eins!"
Bäng!
Ich konnte gar nicht
glauben, was ich da gehört hatte, aber es stimmte. Innerhalb kürzester Zeit war ich im Nachbardorf zum Reitunterricht angemeldet. Anfangs gingen noch 3 Freundinnen mit, von denen allerdings eine
bereits nach dem ersten Tag aufhörte und die zweite dann nach einem halben Jahr. Zu zweit beendeten wir das Unterrichtsjahr, und tatsächlich, mein Vater ging mit mir auf Pferdekauf. Durchs halbe
Ländle ist er mit mir gereist, um ein Pferd für mich zu finden, was gar nicht so einfach. Denn die, die mir gefallen hätten, waren einfach nicht zu bezahlen. Und die, die mein Vater in Betracht
zog, fanden auf keinen Fall mein Interesse. Was für eine Zwickmühle. Am liebsten hätte mein Vater mir ja ein größeres Pony geschenkt. Mir! Einer 13-Jährigen! Niemals! Ich wollte ein Pferd und
kein Pony! Was hatte ich doch für einen Dickkopf. Aber schließlich hatte ich ja auf großen Pferden reiten gelernt. Da war doch klar, dass ich auch gerne ein Großes haben
wollte.
Eines Tages fuhren wir nach Grünstadt. Ich
glaube, mein Vater hat eine Anzeige in der Zeitung oder im "Pfälzer Bauern" gesehen. Ich sag's euch, Leute, wir kamen da hin und mir fielen die Augen aus dem Kopf, als ich dieses Pferd sah! Eine
wunderhübsche Stute, braun, mit vier weißen Stiefeln, schwarze Mähne, schwarzer Schweif, keilförmige Blesse und rosa Schniepe. Und diese Augen! Sofort bin ich dieser Stute mit Haut und Haaren
verfallen. Anfangs traute ich mich gar nicht recht an sie ran. Schätze, ich hatte Angst davor, von ihr zurück gewiesen zu werden. Ich war ja eine Fremde für sie. Aber meine Bedenken waren
grundlos. Sie ließ sich streicheln und ich konnte das zarte Fell spüren und ihren herrlichen Pferde-Duft in die Nase ziehen.
Die Tochter des Besitzers hatte den Arm in Gips. Wenn ich mich recht
erinnere, wurde das als Grund angegeben, warum sie dieses tolle Pferd so günstig verkaufen. Der Arzt hatte wohl gesagt, dass sie mit dem Arm besser nicht mehr reiten soll. Das ist natürlich eine
traurige Geschichte.
Die Noch-Besitzer schlugen vor, dass ich
doch einmal auf einen Proberitt vorbei kommen könnte. Das empfand auch mein Vater als eine gute Idee. Also wurde ein Termin ausgemacht. Mein Vater selbst konnte an diesem Tag zwar nicht, aber
meine Mutter hatte sich bereit erklärt, mich hinzufahren. Wie sich später heraus stellte, war das mein Glück gewesen.
Ich war total aufgeregt. Ich sollte Zena
reiten. Zena, das war ihr Name. Zena! Immer wieder spukte mir ihr Name durch den Kopf. Hoffentlich würde alles klappen. Und hoffentlich würden nicht zu viele Leute drumrum stehen. So etwas mochte
ich nicht. Da wäre ich wahrscheinlich nervöser als das Pferd.
Als wir ankamen, waren natürlich doch eine
handvoll Zuschauer da. Zena wurde in die Mitte eines eingezäunten kleinen Reitplatzes geführt. Ich nahm all meinen Mut zusammen, packte meinen Helm und schritt forsch, aber nicht zu schnell zu
ihr hin. Ich nahm die Zügel auf und begann, mit Zena meine Runden zu drehen. Ich saß auf Zena. Alleine das war schon ein wundervoller Gedanke. Ich konnte mich nur schwer an irgendwelche Figuren
erinnern, mit denen wir im Reitunterricht das langweilige Im-Kreis-Reiten unterbrochen hatten.
Dann wurde ich von den Umstehenden aufgefordert, doch mal schneller zu reiten. Ich also Beine zusammen und los ging's. Erst im Trab und gerade als Zena in den Galopp startete, passierte es.
Sie buckelte und warf mich ab.
Da lag ich. Im Dreck.
Stinksauer. Allerdings nicht auf das Pferd, sondern auf mich, weil ich nicht besser aufgepasst hatte. Zena hatte es einfach probiert und es war ihr gelungen. Ich stand auf, klopfte mir den Staub aus den Klamotten und ging zu dem Pferd hin. Die Stute stand ganz ruhig da und wartete geduldig, bis ich bei ihr war. "Auf ein Neues", sagte ich nur in ruhigem Tonfall. Und der Rest des Testrittes verlief absolut nach Wunsch.
Als ich später dann bei meiner Mutter stand, meinte sie zweifelnd: "Das Pferd willst du aber nicht haben, oder?"
Ich entgegnete: "Genau das Pferd möchte ich, kein anderes!"
"Das dürfen wir aber dem Papa nicht erzählen, sonst wird das nix." Meine Mutter hatte diesen Satz geflüstert, und damit war unsere Verschwörung perfekt.
Die Anzahlung war schnell getätigt. Mein Herz klopfte bis zum Hals, ich strahlte wie ein Honigkuchenpferd und konnte es noch gar nicht recht glauben. Ich würde bald ein eigenes Pferd haben.
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© Andrea Seldner
Pferde-Geschichten