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DER ERSTE TAG

 

Es war früh am Morgen. Heute war der Tag der Tage. Heute sollte sie ihr eigenes Pferd bekommen.

 

Obwohl er viel Arbeit hatte, hatte ihr Vater ihr versprochen, heute mit ihr das Pferd zu holen. Ihre Zena.

 

Die 13-jährige Sophie konnte vor Aufregung kaum still im Auto sitzen. Der Pferdeanhänger, der an den Wagen angehängt war, kam ihr so unwirklich vor. Waren sie wirklich auf dem Weg, um das Pferd für sie abzuholen? Sie konnte es noch gar nicht fassen. Und heute war doch Feiertag. Da die Familie eine Gaststätte betrieb, war an diesem Tag natürlich viel zu tun. Und doch machte ihr Vater sich zusammen mit ihrem Bruder und ihr auf den Weg.

 

Sophie war die ganze Zeit über wie in Trance. Aber als sie ankamen, sah sie die Tochter des "Noch-Besitzers". Mit der Hand im Gips saß sie auf einem Pferd und ritt an ihnen vorbei. Hieß es nicht, Zena würde verkauft, weil das Mädchen vom Arzt das Reiten verboten bekommen hatte? Sehr seltsam. Aber vielleicht fiel ihr der Abschied von Zena leichter, wenn sie ein anderes Pferd ritt. Wer wusste das schon?

 

Wichtig war, dass das Sophie heute ihre Zena bekommen würde. Sophies Herz überschlug sich, als sie die Stute wiedersah. Schnell machte ihr Vater den Deal komplett und schon wurde die Stute in den Pferdeanhänger geschoben. Dann ging es auf in Richtung Heimat, die auch die neue Heimat von Zena werden sollte.

 

Der 17. Juni 1980. Ein denkwürdiges Datum für die kleine Sophie.

 

Sie hielten vor dem Stall an. Sophie hatte Glück. Wenn nicht schon Stall, Scheune und Wiesen vorhanden gewesen wären, war sie sich nicht sicher, ob sie ein Pferd bekommen hätte. Die vorhandene Landwirtschaft machte einiges möglich.

 

Der Pferdeanhänger wurde von den zwei Männern geöffnet. Ruhig sprachen sie auf die Stute ein, die sie dann mit langsamen, vorsichtigen Schritten rückwärts aus dem Hänger dirigierten. Da stand sie nun. Prächtig! Den Kopf hoch erhoben, die frische Luft einsaugend, die Augen weit offen. Sie wirkte etwas verängstigt. Was ja auch kein Wunder war. Hier war sie fremd. Sie kannte niemanden. Alles war ungewohnt. Der Vater führte sie ein wenig die Straße hin und her, um sie ein bisschen zu beruhigen, was auch ganz gut gelang.

 

Danach brachten sie beide, Sophie und ihr Vater, die Stute in ihren neuen Stall. Die Wände hatten sie schon vor langer Zeit frisch weiß gestrichen, Sophie hatte alles sauber gemacht, die lästigen Spinnweben weg gekehrt, das Absperrgatter poliert. Und natürlich war ganz viel frisches Stroh in der Box vertreut. Ebenso war frisches Heu in der Raufe und eine neue Wassertränke sorgte dafür, dass die Stute immer frisches Wasser hatte. Sophies Vater hatte ihr auch schon ein wenig Trockenfutter in den Trog gegeben.

 

Nachdem sie in aller Ruhe die neue Umgebung abgeschnuppert hatte, und sich hungrig über das Heu und vor allem über das Pferdefutter hermachte, ließen sie sie alleine. Nun, ganz alleine war sie nicht, denn auf der anderen Seite des Stalles waren eine kleine Horde Ferkel, die sichtlich aufgeregt wegen des großen Tieren in der Nachbarschaft wild durch die Gegend grunzten. Aber auch denen hatte Sophies Vater etwas zu Fressen gegeben, so dass sie Ruhe gaben. Obwohl, von Ruhe konnte bei dem Geschmatze auch keine Rede sein. Sophie musste grinsen. Aber wichtig war, dass das Pferd nicht ganz alleine war.

 

So gingen denn alle nach Hause, duschen, umziehen und in der Gastwirtschaft arbeiten. In einem Familienbetrieb musste nun mal jeder mit ran. Und für Sophie war das Ehrensache. Sie gluckste innerlich vor Freude. Sie hatte ein Pferd bekommen. Direkt nach dem Mittagsgeschäft hüpfte Sophie wieder in ihre Reitklamotten und raste in Richtung Stall. Die obere Stalltüre hatten sie vorhin offen gelassen, um den Tieren die frische Luft nicht vorzuenthalten.

 

Sophie stoppte vor dem Stall und blickte langsam ins Innere um die Ecke. Zena stand schon da, spitzte die Ohren und schien nur darauf zu warten, dass Sophie endlich reinkommen würde. Als das Mädchen dann endlich in den Stall trat, drehte die Stute sich um und ging zu der Wassertränke hin. Immer wieder stupste sie ihre Nase hinein, ohne etwas zu trinken. Das erschien Sophie jetzt sehr merkwürdig. Sie trat vorsichtig in Zenas Box und wollte nachsehen, was da los war. Als sie sich die Tränke betrachtete, sah sie, dass der Boden noch ganz trocken war. Normalerweise steht unten immer etwas Wasser am Boden der Tränke. Vielleicht funktioniert es ja nicht, dachte Sophie und drückte auf den flachen Hebel, der den Wasserfluss in Bewegung setzt. Sie musste sehr fest drücken, und als dann Wasser im Rinnsaal in die Tränke lief, presste die Stute sofort ihre Lippen rein, um das bisschen Wasser gierig aufzuschlecken. Sophie machte sich Sorgen. Entweder hatte Zena noch nie aus so einer Tränke Wasser entnommen und wusste somit gar nicht, wie das funktionierte. Oder der Hebel saß zu fest für die weichen Nüstern der Stute.

 

Bevor sie sich nun weiter mit der Tränke beschäftigte, suchte sie erst einmal einen sauberen Eimer, den sie halb mit Wasser füllte und der durstigen Stute hin stellte. So schnell konnte Sophie nicht gucken, so schnell hatte Zena den Eimer beinahe trocken gelegt. Nach dem zweiten Wassergang schien das Wasser auch im Maul der Stute zu verdunsten. Erst beim dritten Eimer ließ das Pferd noch einen Rest Wasser drinnen. „Endlich“, dachte Sophie und atmete erleichtert auf.

 

Die Tränke musste ja nicht sofort repariert werden. Ihr Vater hatte an diesem Feiertag ja auch gar keine Zeit, musste er doch die Gaststätte auf Trab halten. Aber das machte nichts, Sophie konnte die Stute fürs Erste mit dem Wassereimer versorgen.

 

Das war schon ein Pech. Hoffentlich empfand Zena ihren Aufenthalt hier nicht als allzu schrecklich. Schließlich wollte Sophie doch so gerne, dass Zena sich hier wohl fühlte, hier in ihrem neuen Zuhause.

 

© Andrea Seldner