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DER VERSCHWUNDENE SATTEL

Als Nina an diesem Morgen in den Stall kam, schien für sie die Welt noch in Ordnung zu sein. Verwunderlich war nur, dass die Stalltüre einen Spalt offen stand. Aber es war ein alter Stall mit einer alten Türe. Wahrscheinlich hatte sie gestern Abend den Riegel nicht fest genug einrenken lassen. Nina betrat den Stall. Ihre Stute begrüßte sie mit einer Mischung aus warmem Schnauben und tief gurrendem Gewieher, ein morgendliches Grummeln, was sich jedoch sehr freundlich anhörte. Nina ging lächelnd auf ihre Stute Zaffira zu und streichelte sie sanft. "Na, du? Wie geht es dir? Guten Morgen, meine Süße."


Zaffira rieb ihren fuchsfarbenen Kopf leicht an Ninas Schulter, als wolle sie sagen: Schön, dass du da bist.

Nun musste aber ein bisschen was geschafft werden. Zuerst holte Nina eine Schaufel und sortierte die Pferdeäpfel, die Zaffira über Nacht hatte fallen lassen, aus der Streu aus, um sie draußen auf dem Misthaufen zu entsorgen. Danach schüttelte sie etwas frisches Stroh in die Box und ebenfalls frisches Heu.

Die Schüssel mit Zuckerrübenschnitzel, die Nina schon am Abend davor mit Wasser aufgeweichte hatte, brauchte sie nun nur noch in Zaffiras Box zu stellen, wo die Stute sich dann an dem leckeren, feuchten Futter satt essen konnte.

Zufrieden betrachtete Nina ihre offensichtlich glückliche Stute, die zufrieden ihre Schnute in die Futterschüssel streckte.

Nina machte sich nun auf den Weg ins Haus, um selbst auch etwas zu frühstücken. Immer wenn sie ihrer Stute beim Füttern zusah, bekam sie auch Hunger. Als sie jetzt den Stall verließ, hatte sie das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte, aber sie wusste nicht, was das sein könnte.

Auf dem Weg ins Haus grübelte sie noch ein wenig über dieses seltsame Gefühl nach, aber sie kam zu keiner Lösung. Und als sie dann mit ihren Eltern am Frühstückstisch saß, war das auch schnell vergessen. Ihr Vater war allerdings auch nicht wie immer. Verdutzt guckte er sie an: "Gehst du denn heute nicht zur Schule?" fragte er leicht verwundert. Spitzbübisch guckte Nina ihn an: "Nööö," schüttelte sie den Kopf, fing aber sofort an zu grinsen. "Papa", klärte sie ihren Vater auf, "wir haben doch seit heute Ferien." Grübelnd blickte der Vater wieder auf seine Kaffeetasse und murmelte nur ein "ach so".

Nachdem sie ihrer Mutter geholfen hatte, den Tisch abzudecken und das Geschirr zu spülen, hüpfte Nina freudig über den Hof in Richtung Stall. Ruhig war es, als sie die Türe öffnete. Knisternde Geräusche waren zu hören. Das war Zaffira, die in ihrem Heu herum stöberte und sich die leckersten Halme heraus suchte. Sofort Stille. Zaffiras Kopf hoch erhoben, die Ohren gespitzt. Gespannt lauschte sie. Da kam auch schon Nina um die Ecke. Ruhig und gelassen kaute die Stute weiter.

Jedesmal, wenn Nina zu Zaffira ging, hüpfte ihr Herz vor Freude auf und ab. Sie war unendlich glücklich mit dem Pferd. Ihre Eltern hätten ihr zu ihrem 13. Geburtstag keine größere Freude machen können. Morgen ist es genau ein Jahr, dachte Nina, während ihre Finger durch das braune weiche Fell glitten. "Es gibt nicht schöneres, als dich zu haben", seufzte Nina, "aber geputzt willst du auch werden". Sie schob einen Schmollmund, fing aber doch ohne Murren an, der Stute das Fell zu bürsten. "Wir wollen doch auch hübsch aussehen, wenn wir gleich ausreiten, mh?" Zaffira schien die Frage verstanden zu haben und nickte wie zustimmend mit dem Kopf.

Nina ging zur Wand, um die Trense zu holen,... und stutzte! Das konnte doch nicht wahr sein! Das durfte einfach nicht wahr sein! Der Sattel war verschwunden! Der Bock, auf dem er sonst hing, war leer! Wo war der Sattel?

 

Die Tür! ging es Nina durch den Kopf. Sie hatte offensichtlich gestern Abend die Tür zum Stall nicht richtig zugemacht. Und jetzt war der Sattel gestohlen! Tränen bahnten sich ihren Weg zu Ninas entsetzten Augen. Wie sollte sie das ihrem Vater beichten? Es war zwar ein alter Sattel und sie hatten ihn gebraucht gekauft, aber so reich waren ihre Eltern auch nicht, dass sie jedes Jahr das Geld für einen Sattel hinlegen konnten. Außerdem kostete das Pferd selbst ja auch schon genug. "Oh menno", fluchte sie und ärgerte sich über sich selbst. Wie konnte sie auch nur so dämlich sein und die Tür nicht richtig schließen. Jetzt war der Sattel weg.

Nina ließ die verdutzte Stute im Stall zurück und ging ins Haus. Ihr Vater war schon auf der Arbeit und ihre Mutter beim Einkauf. In der Küche lief Nina hin und her und her und hin. Was sollte sie nur tun? Was konnte sie nur tun? Ihre Eltern würden bestimmt ganz enttäuscht von ihr sein. Konnte sie selbst einen neuen Sattel auftreiben? Aber wie?!?!

 

An diesem Tag ging Nina zwar reiten mit Zaffira, ohne Sattel versteht sich, aber besonders wohl fühlte Nina sich nicht. Sie musste die Sache mit dem verschwundenen Sattel noch ihren Eltern beichten. Sie grübelte und grübelte. Nach schier endlosen Gedanken kam sie zu dem Entschluss, dass sie es ihren Eltern am nächsten Tag, an Ninas Geburtstag gestehen würde. Vielleicht wären die Eltern dann etwas gnädig mit ihr. Sie würde ja auch auf alle Geschenke verzichten, wenn nur ihre Eltern ihr nicht böse wären.

 

In der Nacht schlief Nina sehr schlecht. Den ganzen Tag zuvor hatte sie den Hof abgesucht, in der Hoffnung, dass der Dieb den alten zerschlissenen Sattel vielleicht doch irgendwo in eine Ecke geschmissen hatte. Aber diese Hoffnung wurde schnell begraben. Weit und breit war kein Sattel in Sicht. Nina war verzweifelt. Morgen musste sie es ihren Eltern sagen.

 

Die ersten Sonnenstrahlen kitzelten Nina an ihrem Geburtstag wach. Doch diese erste Freude wurde getrübt durch den Gedanken an den verschwundenen Sattel. Etwas zittrig kletterte Nina aus dem Bett und tippelte ins Badezimmer. Leise schlich sie dann die Treppe hinunter, um ihre Eltern nicht vorzeitig zu wecken. Sie hatte heute Geburtstag, aber sehr wohl fühlte sie sich nicht. Wenn nur diese Sache mit dem Sattel nicht wäre!

 

Nina nahm die letzte Stufe, trottete um die Ecke ins Wohnzimmer und blieb starr vor Staunen stehen. Da war er! Da war er! Der Sattel! Der verschwundene Sattel! Er war gar nicht geklaut gewesen. Ninas Vater musste ihn zu einem Schuster gebracht haben, denn er sah aus wie neu. Aber es war doch eindeutig ihr "alter" Sattel. Nina schluchzte vor Erleichterung.

 

"Na, na, meine Kleine," Ninas Papa war leise hinter ihr aufgetaucht. "Weinst du? Gefällt dir dein Geschenk denn nicht?" Besorgt blickt er ihr in die von Tränen gefüllten Augen.

 

"Doch, Papa, es ist das schönste Geschenk! Nichts anderes hätte ich haben wollen!" Dabei blinzelte sie lächelnd zu dem Sattel hin.

 

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© Andrea Seldner