ETWAS SELTSAMES

 

Hey jo, was war das denn?“

Sabine und Isabella blickten sich verwundert an. Eben noch war Hermann auf Poldo in aller Ruhe neben ihnen her geritten. Und schwupp, plötzlich drehte Poldo sich auf der Hinterhand halb um die eigene Achse und verschwand samt Hermann in einer Staubwolke, die jeden Westernregisseur hätte neidisch werden lassen.

"Hey, huch!"

Der Fuchshengst von Sabine legte die Ohren an, und versuchte auch, sich in die andere Richtung davon zu machen. Doch Sabine kämpfte solange mit ihm, bis er wieder neben Isabella's Stute Flora im Schritt ging. Die Ruhe währte allerdings nur Sekunden. Wie von der Tarantel gestochen fuhr auch der Hengst herum. So ruckartig, dass es Sabine beinahe aus dem Sattel geworfen hätte. Doch sie hielt sich tapfer, auch wenn sie keine Chance mehr hatte, den Hengst zu stoppen geschweige denn, wieder zu einem Kurswechsel zu bewegen.

 

Auch Isabella hatte alle Hände voll zu tun, um ihre Flora am Umdrehen zu hindern. Die Stute versuchte mehrmals, sich zu drehen und den anderen beiden hinterher zu galoppieren, aber Isabella brachte es immer wieder fertig, sie in die Spur zu bringen. Isabella konnte spüren, wie angespannt ihre Stute war. Jeder Schritt nach vorne war eine kleine Schlacht, die es zu gewinnen galt. Doch anders als der Hengst vorhin, legte Flora ihre Ohren nicht nach hinten, sondern im Gegenteil, neugierig nach vorne gerichtet. Und doch war da diese Spannung. Es wurde immer schwieriger, nach vorne zu reiten. Da Flora offensichtlich verstanden hatte, dass es nichts brachte, sich umzudrehen, begann sie auf einmal, rückwärts zu gehen. Ein neuer Kampf entstand. Seltsamerweise ging es aber doch vorwärts. Zwei Schritte vor, einen zurück. Drei Schritte vor, zwei zurück. Langsam tasteten sich dich beiden in den Wald hinein. Flora's Kopf war hoch erhoben, die Ohren in Hab-Acht-Stellung nach vorne. Extrem angespannter Körper. Jetzt bemerkte auch Isabella, dass sich da vorne im Wald etwas bewegte. Genau: Etwas! Sie konnte nicht erkennen, was da los war. Sie beugte sich etwas weiter nach vorne, um eventuell besser sehen zu können, was sich da vorne durch den Blätterwald bewegte. Das war ein Fehler! Die kurze Unachtsamkeit von Isabella nutzte Flora schamlos aus, drehte sich um und war sofort vom Stand im Galopp. Wenn man lange genug reitet, lernt man automatisch, die Beine immer fest am Pferdekörper zu halten, egal, wie locker oder ruhig der Ausritt auch ist. Erst recht in solch brisanten Fällen wie diesem war das sehr hilfreich.

 

Von ihren beiden Reiterfreunden samt Pferden war nichts mehr zu sehen, aber Isabella wollte jetzt wissen, was da im Wald seltsames vor sich ging. Etwas so seltsames, dass die Pferde sich nicht weiter trauten. Mit viel Kraftaufwand brachte sie ihre Stute wieder zum Stehen, zum Umdrehen und in Schritt in Richtung dieses seltsamen "Etwas". Je näher sie der Bewegung im Wald kamen, desto langsamer wurde die Stute wieder. Wieder das gleiche Spiel. Zwei Schritte vor, einer zurück. Und so immer ein Stückchen weiter. Isabella schaute angestrengt nach vorne. Das war eine ganze Gruppe, die sich da bewegte. War da ein Weg, der gleich kreuzte? Würden sie mit dieser seltsamen Gruppe zusammentreffen? Der Abstand wurde immer geringer. Und auch die Bäume dazwischen gaben immer mehr Raum frei um zu sehen, was sich da auf dem anderen Weg bewegte. Flora's Spannung ging in Unruhe über. Es wurde für Isabella immer schwieriger, sie vorwärts zu reiten. Dann plötzlich erkannte Isabella, was da Seltsames zu sehen war. Damit hatte sie nicht gerechnet. Wo gab's denn so etwas?

 

Ein Kamel! Da lief ein Kamel im Wald herum! Das war ja nicht zu glauben! Flora blieb abrupt stehen. Isabellas Mund stand offen. Wahrscheinlich sahen die Gesichter der beiden in dem Moment ähnlich aus. Beide gleich verdutzt. Ein Kamel! Aber irgendetwas sah an dem Kamel anders aus als normal. Wenn man in dieser Situation überhaupt von "normal" reden konnte. Nein, es saß ein Kind auf dem Kamel. Und da, jetzt erkannte Isabella auch, warum sie vorhin schon mal dachte, da sei ein Gruppe unterwegs. Eine Frau lief neben dem Wüstenschiff her. Und noch zwei, nein, drei Kinder. Ein Familienausflug mit Kamel. Andere gehen mit ihrem Hund spazieren, diese Leute hatten eben ein Kamel. Isabella musste grinsen. Die Frau hatte die Reiterin auch schon gesehen. Als sie dicht genug waren, grüßte sie und Isabella grüßte zurück. Die Frau lobte Flora und meinte, dass sie ein besonders mutiges Pferd sei, da die meisten Pferde sofort reißaus nehmen würden. Denn außer den Pferden im Zirkus kannten die meisten Pferde ja kein Kamel. Und Kamele bewegen sich irgendwie anders fort, was den Pferden sehr fremd vorkommt. Auch der Geruch von Kamelen ist wohl sehr streng und auch fremd. Isabella fragte noch, wie die Frau denn an ein Kamel gekommen war. Ein Zirkus wollte das Kamel zum Schlachter geben, weil es krank gewesen sei. Die Frau konnte den Zirkusdirektor überreden, es ihr zu verkaufen. Und sie hatte es dann wieder gesund gepflegt und aufgepäppelt. Doch bevor sie viel weiter erzählen konnten, bemerkte Isabella, wie schrecklich nervös Flora wurde. Sie wusste, dass sie die Stute nicht länger würde ruhig halten können, da das Kamel immer näher kam. Sie verabschiedete sich von der Frau und den Kindern und dem Kamel, und Flora schien hocherfreut und vor allem erleichtert, dass sie nun endlich von diesem seltsamen Tier fort durfte.

 

"Na," Isabella tätschelte ihrer Stute den Hals, "da werden die andern aber gucken, wenn sie hören, was wir ihnen zu erzählen haben." Ruhig und entspannt traten die beiden nun den Heimweg an.

 

--------------------------

© Andrea Seldner