Flora, das Leckermaul

 

„Na, meine Große, wo wollen wir hier hin?“ Elli blickte ihrer braunen Stute in die noch brauneren Augen und streichelte ihr sachte über das weiche Fell. Die Stute stupste Elli leicht mir ihren Nüstern an und begann an Ellis altem Stallpullover herumzuknabbern. Die Taschen, die früher mal den Pullover zierten, hingen schon leicht in Fetzen herunter. Aber sie waren immer noch groß genug, um kleine Leckereien darin zu verstecken. Und Flora, Ellis Stute, wusste das nur zu gut.

 

„Nicht, hör auf, Flora“, lachte Elli und schob den Kopf der neugierigen Stute ein Stück zur Seite. Doch Flora konnte ganz schön stur sein. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann wollte sie das auch. Und jetzt wollte sie in an die Leckereien. Irgendwie schob sie ihren Kopf an Ellis Händen vorbei und wieder war sie mit ihrer Schnute an den so verlockend riechenden Taschen angelangt. Zuerst packte sie mit den Lippen immer mal einen Stofffetzen und zog etwas daran. Als das nicht zum Erfolg führte, fing sie an, vorsichtig mit den Zähnen die Taschen anzuknabbern. Sie packte ein Stück Stoff, zog daran und … ratsch.. wieder ein Fetzen mehr, der an Ellis Pullover lustlos nach unten hing. Und mit diesem Ratsch fielen ein paar Brotkrumen heraus und landeten unsanft auf dem Boden. Ein Erfolg für Flora. Blitzschnell zog es ihre Schnute in Richtung Boden, wo sie in Windeseile diese Brotstückchen mit ihren flinken Lippen aufklaubte und fraß.

 

„Och, Flora“, schimpfte Elli leise, aber vorwurfsvoll. Elli seufzte, sie wusste ganz genau, dass sie ja selbst schuld daran war. Schließlich hatte sie damit angefangen, indem sie die Taschen mit Karotten, Brot oder Apfelstücken vollpackte.

 

„Nu ja“, sie kraulte Flora zwischen Ohren, „dann bleibt mir nichts anderes übrig, als die Taschen mal ein bisschen zu reparieren, schließlich wollen wir beide noch ein bisschen Spaß damit haben.“ Elli lachte und umarmte dabei Floras Hals. Dabei drückte sie ihre Wangen an den warmen Hals von Flora und zog tief die Luft ein. Pferde rochen einfach wahnsinnig gut.

 

„So, für heute ist es gut. Ich bring dich jetzt in den Stall, meine Süße.“ Elli führte Flora in das Stallgebäude. Floras Box war auf der rechten Seite und halbhoch mit Gittern versehen, so dass Flora ihren Kopf frei darüber recken konnte. Elli fand das schöner als diese Boxen mit den Gittern vom Boden bis zur Decke. Mit diesem halbhohen Gitter schien Flora wenigstens ein bisschen mehr Freiheit zu haben. Flora schob ihren Körper galant ums Eck und schritt durch das frische Stroh, das fröhlich unter ihren Hufen knisterte. Sie drehte sich um und blickte voller Erwartung zu Elli. Diese schob zuerst den Riegel der Boxentür zu. Dann drehte sie sich in die Richtung, in der die Futtereimer und –tüten standen.

 

„Ja klar, meine Schnuffelstute, es ist Zeit für dein Futter. Heute Morgen hab ich extra Zuckerrübenschnitzel für dich aufgeweicht. Du süßes Leckermaul kannst davon ja nie genug bekommen.“ Elli lachte, während sie den Futtertrog von Flora mit diesem feuchten und offensichtlich sehr leckeren Brei füllte. Flora konnte es gar nicht abwarten und schoss mit ihrem Maul direkt in den Brei hinein, so dass die letzten Kleckse aus dem Eimer direkt auf ihrer Nase landeten.

 

„Du kleiner Gierschlund, du.” Elli schüttelte den Kopf. Jedes Mal dasselbe Theater. „Ich glaube, das kann ich dir nicht mehr abgewöhnen. Hattest du mal ein schlechtes Erlebnis? Haben andere dir immer alles weg gefressen, so dass du jetzt immer noch Angst hast, es bleibt für dich nichts mehr übrig? Dabei ist hier doch weit und breit keiner, der dir was wegfressen könnte.“ Doch Flora schien Elli nicht mehr zu hören, so sehr war sie in ihren Futtertrog versunken.

 

„Na gut, meine Süße, hier hast du noch eine Handvoll Hafer. Und schling nicht so, das ist nicht gesund.“ Elli streute etwas gequetschten Hafer auf den Brei und ließ Flora dann in Ruhe fressen. In der Ecke des Stalls standen die Tüten mit den Zuckerrübenschnitzeln. Elli nahm einen Eimer, füllte eine kleine Schaufel voller Schnitzel hinein und stellte den Eimer unter den Wasserhahn, um das trockene Futter einzuweichen. Es brauchte nicht viel von den Schnitzeln, sie würden im Wasser ordentlich aufgehen. Morgen früh würde die Masse sich verdoppelt bis verdreifacht haben.

 

„So, meine Schnuffelmaus. Ich lass dich jetzt allein. Friss noch schön und schlaf gut. Wir sehen uns morgen früh wieder.“ Elli schloss das Stalltor hinter sich und ging zufrieden mit sich und der Welt nach Hause.

 

© Andrea Seldner