HINTER DEM ZAUN
Nero betrachtete das Grün unter sich sehr genau. Seine Nase versank tief unten im Gras. Seine Lippen umschlossen mehrere Halme auf einmal und knickten einen Büschel nach dem anderen ab. Kauend stand er da und betrachtete sich die Landschaft. Weite Wiesen, saftig grün soweit das Auge reichte. Wieso muss ich eigentlich hier das halb abgefutterte Gras fressen, während dort drüben alles in voller Wiesenblüte steht? Wäre es nicht leckerer, dort zu grasen anstatt hier? Gemächlich schlenderte er zum Ende seiner Koppel. Ein Zaun versperrte ihm den Weg. Mmmh, überlegte Nero. Ich bin ein Pferd. Eigentlich müsste ich doch über diesen kleinen Zaun springen können. Oder doch nicht? Während er sich so seine Gedanken machte, schritt er den Zaun Schritt für Schritt ab, immer mal den Kopf auf den Boden senkend, um das Gras zu rupfen, das ihm ja eigentlich nicht mehr schmeckte. Wo es doch da drüben auf der anderen Seite des Zauns soviel besseres Gras zu fressen gab.
Wieder hob er den Kopf und betrachtete sich den Zaun genauer. Hier an dieser Stelle dürfte er etwas niedriger sein. Oder täusche ich mich? Nero war sich nicht sicher, also schritt er den Weg wieder zurück, nur um zwischendurch öfter die Lippen in das Gras zu tunken, das ihm nun wirklich nicht mehr schmeckte. Endlich fasste er sich ein Herz. Ich muss nur genügend Anlauf nehmen, dachte er, dann klappt das auch. Also trabte er in Richtung Koppelmitte, drehte sich um und galoppierte entschlossenen Herzens auf den Zaun zu. Er erfasste ganz genau sein Ziel und mit einem mächtigen Satz sprang er in die Freiheit. Die Freiheit, endlich das Gras zu fressen, das ihm schmeckte. Nachdem er auf der anderen Seite angekommen war, verschnaufte er erst einmal einen Moment. Schließlich war er auch nicht mehr der Jüngste. Aber schon bald genoss er das saftige Gras in vollen Zügen. Die Weite der herzhaft grünen Wiesen gefiel ihm sehr, zumal nun kein Zaun mehr zwischen ihm und diesen Leckereien stand. Das Gras schmeckte unendlich gut. Und sogar die Luft - so empfand Nero es - ließ sich hier auf der Seite bei Weitem besser atmen als dort drüben auf seiner Koppel. Wie war das möglich? Aber eigentlich war es Nero egal, warum das so war. Die Hauptsache war, dass sich hier auf dieser Seite alles gut anfühlte. Sehr gut sogar. Eigentlich mochte Nero den Zaun, der seine Koppel umrundete, nicht mehr sehen. Also drehte er sich kurzentschlossen um, streckte den Kopf in die Höhe und trabte von dannen. Einer ungewissen Zukunft entgegen...
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© Andrea Seldner
Pferde-Geschichten