KEIN WEIHNACHTSGESCHENK?
Susi war stinksauer. Nichts, aber auch gar nichts lag unter dem Weihnachtsbaum. Kein Geschenk. Kein einziges Geschenk! Das konnte doch nicht wahr sein. Sie hatte zwar schon was gehört von wegen Wirtschaftskrise und so, aber dass sie deswegen kein Geschenk bekommen sollte, das konnte sie sich nun doch nicht so recht vorstellen.
Mit muffigem Gesicht schlappte sie in die Küche. Dort hantierte ihre Mutter mit dem Frühstück.
„Setz dich doch, Susi, und iss ein bisschen was“, die freundliche Stimme ihrer Mutter half Susi nicht über ihre üble Laune hinweg.
„Hab keinen Hunger“, maulte sie.
Die Mutter drehte sich zu ihr um und meinte nur: „Mit so einer biestigen Laune hast du eigentlich gar kein Geschenk verdient.“
„Na, ich hab doch diese Laune, weil kein Geschenk unter dem Baum liegt“, verteidigte sie sich brummend.
„Vielleicht solltest du dieses Jahr einfach noch ein bisschen Geduld haben“, zwinkerte ihre Mutter ihr zu.
Susis Stirn legte sich in Falten. Was wollte ihre Mutter ihr da sagen? Sollte ihr Weihnachtsgeschenk etwas verspätet eintreffen? Nun, das würde sich ja zeigen. Dann wartete sie eben noch etwas.
Draußen hörte man ein Auto anfahren. „Das wird Vati sein“, bemerkte ihre Mutter ganz beiläufig. Susi war das im Moment egal. Ihr Kopf brummte. Geduld war etwas Schwieriges. Aber halt. Vielleicht hatte ja ihr Vater das Geschenk dabei. Sie wollte schon nach draußen rasen, als ihre Mutter sie davon abhielt: „Zuerst räumst du den Tisch ab. Und danach wirst du zuerst dein Zimmer aufräumen. Soviel Zeit muss sein. Du weißt doch: Nur brave Mädchen bekommen Geschenke an Weihnachten.“ Die Mutter drehte sich der Spüle zu und lächelte verschmitzt.
Ach, dachte Susi, hab ich bisher nur kein Geschenk bekommen, weil ich mein Zimmer nicht aufgeräumt habe? Das war ja blöde. Aber gut, dann würde sie das tun. Aber wehe, wenn dann nicht das Geschenk angetrabt kam. Wie recht sie mit diesem Gedanken hatte, war ihr natürlich nicht im Geringsten bewusst.
Als sie alles erledigt hatte, sprang sie die Treppe nach unten, rief ihrer Mutter „Ich bin fertig“ zu und raste zur Haustür raus. Wie vom Blitz getroffen, blieb sie am Eingang stehen. Am Auto ihres Vaters hing ein Anhänger, ein Pferde-Anhänger. Ja, war das denn die Möglichkeit! So schnell sie konnte, sprintete sie hinter das Haus in Richtung Scheune und blieb wieder stockesteif stehen. Da standen ihre Eltern, und zwischen den beiden schaute ein Pferdekopf hervor. Ein Pferd. War das ihr Geschenk? Atemlos, erstaunt, fragend, überwältigt stand Susi da und betrachtete die drei vor sich. Ihre Eltern lachten nur und winkten sie zu sich.
„Ja, Susi, mein Schatz, das hier ist Vicky, dein Weihnachtsgeschenk!“
„Ist das wahr? Ist das wirklich wahr?“ Susi war fassungslos, aber überglücklich. Sie strahlte mit der Wintersonne um die Wette, fiel zuerst der Mutter, dann dem Vater stürmisch um den Hals. Und dann nahm sie sich alle Zeit, um ihr Pferd, ihr erstes Pferd zu begrüßen. Vicky.
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© Andrea Seldner
Pferde-Geschichten