SIE KOMMEN
Ein Pfiff, ein Ruf. Dann beginnt es. Die Grashalme verbeugen sich tief. Der Wind fegt über die Weide. Wie flache, gleichmäßige Wellen ziehen die Gräser über die Wiese. Mit voller Wucht prallt eine Böe in die nächste Hecke. Aufgeregt wippen die schon teilweise gelben Blätter hin und her, kurz davor, die Stiele zu verlassen und auf die Erde zu fallen. Dann ein entferntes Poltern. Was ist das? Trommeln? Ja, aber nicht von Musikinstrumenten. Donner? Ja, aber kein Unwetter-Donner. Sondern das Donnern von Hufen auf fester Erde. Ein wohlstimmiger Rhythmus, der mir jedes mal ein unermessliches Glücksgefühl beschert. Ist es mein Herzschlag oder sind es die kraftvollen Trommelschläge der Hufe? Alles verschmilzt zu einer Einheit. Der Donner kommt näher. Acht Hufe trommeln der Erde ihren Takt.
Noch kann ich nichts sehen, aber dann ist es soweit. Am oberen Teil der Wiese, dort wo die kleinen Bäume und Sträucher sich regelrecht verbiegen, um die Sicht zu versperren. Pferdeköpfe schieben sich als erstes um die Ecke. Weit aufgeblähte Nüstern. Große Augen voller Freude und Unbändigkeit. Sich spielerisch nach allen Richtungen drehende Ohren. Wild wehende Mähnen. Zwei Körper schieben sich nach. Einer braun und einer weiß. Lange, schlanke, aber vor allem starke Beine stampfen eine kurze Böschung herab. Fliegende Hufe nähern sich Galoppsprung für Galoppsprung. Lange Schweife peitschen durch die Luft. Die Distanz verringert sich. Kräftige Hälse strecken sich mir entgegen. In ungebremsten Galopp preschen die beiden Tiere mit ihren riesigen Leibern auf mich zu. Die Rücken und Hälse heben und senken sich abwechselnd. Die flinken Hinterbeine fliegen wie Raketen nach oben, stoßen in die Lüfte, um wieder rechtzeitig zum nächsten Sprung auf der Erde zu landen. Ich sehe pure Lebensfreude.
Der Trommelrhythmus beruhigt sich ein wenig. Kein Buckeln mehr. Die Beine bleiben am Boden, meiden die wilde Höhe. Die Geschwindigkeit nimmt kaum sehbar ab. Der Abstand wird zusehends kleiner. Immer dichter galoppieren die beiden Pferde an mich heran. Gerade als ich denke, jetzt wird es aber Zeit, stemmen sich die Vorderhufe der beiden Pferde kurz vor mir radikal in den trockenen Boden. Staubwolken wirbeln auf, vernebeln, lassen mich blinzeln. Aber ich brauche nichts zu sehen, ich kann es spüren. Die ersten Nasenstupser an meiner Wange, an meinen Händen. Ich kann es hören. Ein Prusten, um die Nüstern von den tausend kleinen Staubkörnchen zu befreien. Wohltuendes Schnauben, nachdem die Staubwolke sich gelegt hat. Ich kann es riechen. Pferdegeruch. Einzig auf der Welt. Unverkennbar. "Pferdig". So lassen sich Glücksgefühle produzieren.
Meine Hände, die ausgiebig über die aufgewirbelten weichen Felle streicheln. Die hinter den Ohren kraulen und die Hälse abklopfen. Große Lippen, die an meinem T-Shirt zupfen, sich durch meine Haare wühlen. Lange Nasenrücken, die gegen meine Schulter stupsen: Auf jetzt. Lass uns gehen. Die wilden Pferdegemüter haben sich beruhigt. Langsam öffne ich das Tor und eine wiedervereinte Dreiergruppe macht sich auf den Weg in den gemütlichen Stall.
© Andrea Seldner
Pferde-Geschichten