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STUTENALARM

 

Jetzt guck dir doch mal diese Stute an!

 

Eine Freundin aus der Schulzeit kam mich besuchen. Mit ihrem Hund. Der Hund war ein ganz lieber, so ein Bullterrier, auch "Schweinehund" genannt, weil ihre Kopfform viele Leute an ein Schwein erinnert. Ich fand ihn nett. Witzig sah er auch noch aus. Fast ganz weiß, außer einer schwarzen Schwanzspitze, zwei schwarzen Ohrenspitzen und einem dunklen Fleck über das ganze rechte Auge. Irgendwie kamen mir dadurch Erinnerungen an "Die kleinen Strolche". Hatten die nicht auch einen Hund mit einem dunklen Auge? Wie auch immer. Wir sind zusammen spazieren gegangen, und das vierbeinige Mädchen war unheimlich verspielt. Ich fragte die Besitzerin, ob sie das gut findet, den Hund ohne Leine laufen zu lassen. „Ach, die hört so super gut, da brauch ich keine Leine.“

Und wenn Spaziergänger vorbei kommen, die einfach schlicht und ergreifend Angst haben?“

Aber die tut doch nix. Siehst doch selbst, wie lieb die ist.“ Tja, was sollte ich auf so eine Antwort erwidern?

 

Wir spazierten also weiter und spielten "Hol das Stöckchen" mit dem Hund. Nun gut, es handelte sich mehrmals eher um Stöcke als um Stöckchen, aber die Hündin hatte keine Probleme mit diesen Riesenholzteilen. Zähne haben diese Bullterrier! Wahnsinn! Mit festem Biss hängte sie ihr gesamtes Gewicht dagegen. Vor allem, wenn ich den Stock mit beiden Händen an den Seiten packte und das Holz samt Hund durch die Gegend wirbelte. Die Lefzen der Hündin flogen regelrecht nach hinten und gaben einen erschreckenden Blick auf das grandiose, beinahe Hai-ähnliche Gebiss frei. Gut, dass da nicht mein Arm dazwischen ist, dachte ich nur leicht fröstelnd.

 

Nach ein bisschen Spielen liefen wir wieder weiter und kamen auch an der Koppel mit meinen zwei Pferden vorbei. Zena und Elfe. Mutter und Tochter. Braune und Schimmel. 20 und 10 Jahre alt. Zwei superliebe Pferde, die mein ganzer Stolz waren.

 

Die beiden Pferde blickten zu uns her. Ein Pfiff und ein Ruf von mir genügten und sie kamen angaloppiert. Erst nach ganz vielen Streicheleinheiten fiel ihnen ein, dass ja auf der Wiese noch jede Menge Gras stand, das gefressen werden musste. Also machten sie sich wieder auf den Weg ins Koppel-Innere. Was wir nicht bemerkt hatten, war, dass die Hündin die ganze Zeit über sehr, sehr aufmerksam die beiden großen Vierbeiner beobachtet hatte und sich nun unter der untersten Zaunlatte hindurch zwängte, um auf die Wiese zu kommen. Erst als wir sahen, dass der Hund auf die Pferde zustürmte und sie wild ankläffte, wussten wir Bescheid. Meine Freundin rief ihren Hund, und rief ihn, und rief ihn. Tja, er hört ja so super gut. Nur halt in diesem einen Augenblick nicht...

 

Ich konnte nur völlig hilflos zusehen, wie der irre Hund meine zwei Lieblinge über die Wiese jagte und wie von Sinnen heulte und bellte. Doch was dann geschah, war so unglaublich, dass es bis heute noch nicht richtig fassen kann.

 

Mit einem Schlag blieb mein Schimmel stehen. So abrupt, dass der Hund beinahe in die Hinterbeine der Stute gerast wäre, hätte er nicht sowieso schon ein wenig Sicherheitsabstand gehalten. Offensichtlich hatte er doch Respekt vor den Hinterläufen, die auch mächtig auskeilen konnten.

Auf jeden Fall drehte der Schimmel sich dem Hund entgegen, senkte wie ein wilder Stier den Kopf, schnaubte gefährlich und stampfte auf den Boden, dass es nur so staubte. Die Hündin stand zuerst wie versteinert da und wusste anscheinend nicht recht, was da los war, bis der Schimmel sich in Bewegung setzte. In ihre Richtung. In wildem Galopp preschte die Stute auf den Hund zu, der nun langsam aus seiner Starre erwachte und pienzend und heulend in unsere Richtung gerast kam. In wilder Panik schlüpfte er unter dem Zaun hindurch, so hektisch, dass sie sich den Rücken an der Latte aufschabte. Das Hunde-Frauchen war natürlich tierisch besorgt und tröstete den armen, armen Hund.

 

Ich glaube, wenn sie auch nur die kleinste Andeutung gemacht hätte, dass meine Pferde schuld daran seien, dass der Hund verletzt war, ich hätte das Gatter geöffnet und den Schimmel auf beide gehetzt, auf Hund und Besitzer!

 

Ich kann nur soviel sagen: Auch die Frömmsten können zu Teufeln werden, wenn man sie lässt...

 

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© Andrea Seldner